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Der Spieler - Inszenierung an der Volksbühne, Berlin

Die Suche nach einem Leben, enthoben aller existenziellen Zwänge und Nöte, steckt wohl in jedem von uns. Der Spieler – die Dostojewski/Castorf-Inszenierung der Volksbühne Berlin – bringt die Ambivalenz dieser Sehnsucht auf die Bühne. Der kleine Mann oder die kleine Frau spielt Lotto, der Risikofreudige und die Zockerin gehen ins Casino. Alle hecheln dem Glück nach und mit jedem Verlust

und mit jedem Gewinn nimmt das Hyperventilieren zu. Das fortwährende Schwingen des Pendels zwischen „Gewinner des Tages“ und dem Verlierer, der am Boden zerstört, seine letzten Taler zusammenkratzt um sich erneut auf das nächste, auf das letzte Spiel einzulassen. Ab morgen ist alles anders, eine neue Welt, ein neues Glück. Warum nicht noch ein letztes Mal? Nur noch den Jackpot knacken! Nichts kann uns dann mehr trennen! Versprochen! Danach wird alles …! Die Fliehkräfte nehmen zu. Wer nicht mithalten kann, fällt raus. Burn-out, Selbstmord, Drop-out. Schade, wir werden Dich vermissen! Geht es nur um eins: Sucht? 

 Die Inszenierung reißt mich in ihre Strudel aus Handlung, Emotionen und Perspektiven mit, verschlingt mich förmlich und gibt mich nach vier Stunden temporeichem Theater, indem schnell die Grenzen zwischen gestern, hier, heute und morgen verschwimmen wieder frei. Der Wechsel aus dem Spiel auf der Bühne und über eine Videoleinwand löst den Bühnenraum auf und holt durch die multivisuelle Erweiterung die Welt da draußen ins Zentrum der Szenerie hinein. Von der ersten Minute beteiligt, werde ich gefesselt, ja vereinnahmt vom trashigen Spiel und der Hysterie und den manischen, depressiven Dialogen von Liebe und Verachtung zwischen Alexander Scheer als Alexej Iwanowitsch und Kathrin Angerer als Polina. Eine im Verlauf der Aufführung zunehmend überzeugende Sophie Rois als Babouschka nehme ich im ersten Moment als Nebenfigur wahr. Sie spielt sich aber dann überzeugend und immer mächtiger werdend in das Zentrum meiner Wahrnehmung. Die Fliehkräfte nehmen zu. Nicht alle Akteure können sich in diesem Universum halten. Ich spüre die Anstrengung mit der … ihre Welt versucht zusammenzuhalten und letztlich doch der allgemeinen Glücksverheißungshysterie erliegt und verliert. Dadurch, dass die einzelnen Figuren immer wieder Textpassagen anderer Figuren aufgreifen und in Ihr Äußeres wechseln, werden sie selbst, immer wieder infrage gestellt. Das Krokodil als die Verkörperung des allgegenwärtigen Kapitalismus, frisst nicht nur, sondern speit die Gefressenen auch fortwährend wieder aus.

Nicht überzeugt, eher irre gleitet, hatten mich die sprachlichen Interpretationen „im“ Krokodil. Die stilistische Anlehnung an einen preußisch, nationalistischen Sprachstil überzeugt nicht und stellt einen historischen Bezug her, der mit der gegenwartsbezogenen Inszenierung nicht harmoniert aber auch keinen Kontrast oder Reflexionsfläche bietet.

Auch wenn es die Aufführung während der gesamten Zeit nicht zugelassen hat einen Gedanken außerhalb der Szenerie zu platzieren, bleibt hinterher die Frage ob tatsächlich vier Stunden notwendig waren, um das Thema zu bearbeiten. Die Zeit könnte doch selbst geübte Theaterbesucher von diesem anregenden und spannenden Theaterabend abschrecken.

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